Go to Top

"Doch auf einmal traten Wesen auf, mit einem Aussehen wie nie-zuvor-gekannte Tiere. Sehr erhaben in ihrer Haltung und gediegen jeder Schwung ihrer kräftigen und zugleich eleganten Schöpfung."

aus dem Gedicht von Fritz Schwarzinger über Calmar und Oktulus

Calmar

Das Radioprogramm wurde unterbrochen: „Achtung, Achtung, eine dringende Durchsage. Heute, im Laufe des Tages ist die Zeit aus ihrem Gefängnis ausgebrochen. Bitte halten Sie Fenster und Türen geschlossen, damit die ausgebrochene Zeit nicht bei ihnen eindringen kann. Es besteht nämlich die Gefahr, dass dann auch ihre Zeit erfasst wird und ebenfalls ausbricht.“

 Diese Meldung löste bei den meisten Menschen Panik aus, weil sie keine Vorstellungen besaßen, wie sie ihr Leben ohne Zeit verbringen sollten. Tatsächlich verbreitete sich der öffentliche Zeitausbruch mit unglaublicher Geschwindigkeit, ähnlich einer atomaren Kettenreaktion. Selbst das Fenster- und Türenverschlossenhalten half nichts. Auch die privaten Zeiten waren in Kürze verschwunden.

 Auf einmal war alles beliebig. Jeder Augenblick war austauschbar und konnte unzählige Male wiederholt werden. Die gewohnte Einmaligkeit des erlebten Lebens war vorbei.

Besonders schmerzhaft war zu erleben, dass mit der Zeit auch der Rhythmus verloren gegangen war. So flogen die Töne hin und her, ohne ihre Reihenfolge zu erahnen. Sie fielen auf und ab, die Töne, ohne zu wissen, wann ihre Zeit gekommen war. Verzweiflung war die Folge, kein Wunder. Ebenso kehrte bei den bekannten Tierarten Ratlosigkeit ein. Selbst die Pflanzen ließen ihre Köpfe hängen.

Doch auf einmal traten Wesen auf, mit einem Aussehen wie nie-zuvor-gekannte Tiere. Sehr erhaben in ihrer Haltung und gediegen jeder Schwung ihrer kräftigen und zugleich eleganten Schöpfung.

Bei oberflächlicher Betrachtung hätten sie eine Kreuzung zwischen Ameisen und einem Tiger sein können, oder zwischen einem Maulwurf und einem Elefanten. Oder sie wären einer kürbisfressenden Heuschrecke ähnlich gewesen, die davon träumte, ein Tintenfisch zu sein.

Diese zauberhaften Wesen blieben unberührt vom Fehlen der eingesperrten Zeit. Jede ihrer Bewegungen hatte Rhythmus und ihr Gesang spielte mit Leichtigkeit in allen Lagen, erdverbunden jeder Schritt, selbst bei Trommelwirbel.

Wie war dies möglich? Lange blieb ihr Geheimnis unentdeckt und ist es natürlich noch bis heute. Doch schön langsam war es aufgefallen, dass diese wundersamen Wesen im Winter so gerne Eiszapfen trugen, und zwar so wie pariser Spitze an bemerkenswerten Kleidern.

Das Geschehen rund um die Entstehung der Eiszapfen stand wahrscheinlich in einer engen Verbindung mit der Zeitensicherheit dieser Geschöpfe, die auch in Freiheit mit Aus-und-Einbrüchen im Einklang waren.

Friedrich Schwarzinger

Calmar & Octulus2011-2012

Eiche geöltoiled oak

200 & 160 cm